Wer für Kernenergie einsteht,
muss sich erklären. Der Haupteinwand ist: Diese Energiequelle ist zu
gefährlich! Im Normalfall ist sie gut beherrschbar und gezähmt. Im Störfall
aber kann sie im Nu zur Megakatastrophe werden, die grossräumige Evakuierungen auslöst
und eine verstrahlte Terra inhabitabilis hinterlässt. So geschehen in
Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011. Bis heute dürfen Kernreaktoren niemals
sich selbst überlassen werden. Kein Kühlwasser, kein Notstrom, wenn ringsum
alles Notwendige versagt, zum Beispiel durch einen Stromnetz-Zerstörung, ja was
ist dann? Zunächst bleibt alles still. Doch wir haben es mit der dichtesten
aller Energiequellen zu tun. Und wenn die Wärmeenergie, die sie auch nach Abschaltung Minute um
Minute produziert, nicht abgenommen wird, staut sie sich im Bauch des Biests, bis
er bricht. In der Regel geschieht dies explosiv, nicht als Kernexplosion,
sondern als chemische Knallgas-Explosion. In der Hitze spaltet sich das
Restwasser in Wasserstoff und Sauerstoff, das sich oben erneut verbindet und
die stärksten Container zum Bersten bringt. Hier wird Kernenergie in chemische Sprengenergie
umgewandelt.[1]
Leider entweichen
dabei radioaktive Stoffe und verbreiten sich in der Umwelt. In Three Mile
Island hielt das Containment dicht. In Tschernobyl und Fukushima hielten die Reaktor-Container
nicht stand. Die Umgebung wurde kontaminiert. Reflexartig wurden Menschen in
der Umgebung evakuiert. Die Frage, die man sich im Rückblick stellen muss, ist,
ob die Evakuation in dieser Grössenordnung und Dauer nötig war. War sie
hysterisch oder rational begründet? Ich schreibe dieses Kapitel unter dem
Eindruck von Untersuchungen, die zum Schluss kamen, dass diese Evakuationen
mehr Schaden als Nutzen brachten.
Die Menschen rund um
das Kernkraftwerk wohnten bis zum Unglück über Jahrzehnte sorglos und
zufrieden. Viele hatten dort ihren sicheren und sauberen Arbeitsplatz und einen
guten Lohn. Es profitierte eine vielfältige Sekundärwirtschaft vom Kraftwerk. Die
Betreibergesellschaften leisteten ihrerseits hohe Summen an die kommunale
Infrastruktur, an Kitas, Schulen, Freizeitanlagen, Bäder, medizinische
Einrichtungen, Parks; sie war ein grosszügiger Sponsor des sozialen Lebens. Als
in der Schweiz der Atomausstieg in einer Volksabstimmung beschlossen wurde, verneinten
die Gemeinden der Anrainer den Ausstieg markant. In Tschernobyl und Fukushima
war eines schlimmen Tages plötzlich alles anders. Das Biest hielt nicht, was es
versprach. Es zeigte den Anwohnern mit Knalleffekten, Selbstzerstörung und
Rauch seine schlimmste Fratze. Die Reaktoren explodierten, die Kerne schmolzen
in der eigenen unbeherrschbaren Hitze. Dies geschah in Tschernobyl wegen
Fehlmanipulation, in Fukushima wegen eines die Auslegung überschreitenden
Naturereignisses (Tsunami), und in beiden Katastrophen wegen menschlicher
Hybris. Die Behörden mussten vom Schlimmsten ausgehen, was die Verstrahlung
anging. Man evakuierte grossräumig Hals über Kopf. Dieses überstürzte
Herausgerissenwerden aus der freundlichen Privatsphäre, aus gewachsenen
kommunalen Strukturen in entlegene Turnhallen und leer stehende Gebäude mit
wenig Gepäck und die polizeilich verhinderte Rückkehrmöglichkeit wirkte
traumatisch und machte viele krank.
Und dennoch: was
sich hier in wenigen Stunden und Tagen auf Störfall Stufe 7 abspielte,
verursachte vergleichsweise wenige Strahlenopfer. In Fukushima beklagte man
einen einzigen Todesfall infolge direkter Verstrahlung. Der Betroffene meldete
sich freiwillig für die manuelle Öffnung eines Ventils für Druckablass direkt
am Reaktor. In Tschernobyl wurden etliche Feuerwehrleute notwendig zu hohen
Strahlungen ausgesetzt. In beiden Fällen war Heldenmut und Selbstverpflichtung
der Antrieb, um noch Schlimmeres zu verhüten. Diese unfreiwilligen Katastrophen
wurden vielfältig und international genauestens analysiert. Alle nuklearen
Kraftwerke profitierten von den Erkenntnissen und wurden sicherheitstechnisch
nachgerüstet. Auch in der Schweiz wurde etwa die Erdbebensicherheit erhöht und
die Kühlungsprozeduren im Notfall hinterfragt. Alle Werke wurden hernach
Crashtests unterzogen. Die allgemeine nukleare Sicherheit hat einen
nachhaltigen Innovationsschub bekommen. So weit, so gut? Kann man weiterfahren
mit dem weitestgehend CO2-freien und klimaneutralen Gigawatt-Bandstromquellen?
Welche Fortschritte in der nuklearen Technologie sind in naher Zukunft zu
erwarten? Kein Land verbietet das Automobil, obgleich täglich viele Tote und
Verletzte im Strassenverkehr zu beklagen sind.
Kernkraftwerke
emittieren im Normalbetrieb hundertmal weniger Radioaktivität als
Kohlekraftwerke. Im Gegensatz zur Kohle- oder Ölproduktion erzeugt die
Kernenergieerzeugung weder Schwefeldioxid noch Stickoxide noch Quecksilber. Die
Verschmutzung durch fossile Brennstoffe wird allein in den USA für 24‘000 frühe
Todesfälle pro Jahr verantwortlich gemacht. Dennoch denken einige Länder, die
an der Kohleenergie hängen, über den Ausstieg aus der Kernenergie nach. Was die
Zukunft bringen wird und ob die Welt sich auf lange Sicht mit Kernenergie
versorgen wird, wird sich bald weisen. Aber dazu braucht es den globalen Blick.
In Deutschland ist jede Diskussion darüber tabu, auch von Top-Insidern[2]
und stillen Befürwortern wird geschwiegen. Zurzeit und im Klima der
grassierenden Cancel-Kultur ist das Thema auch in der offiziellen Schweiz tabu.
In den Gegensatz dazu heben möchte ich das einzigartige Buch einer grünen
amerikanischen Autorin Gwyneth Cravens: Power
to Save the World: The Truth about Nuclear Energy, das ich jeder an der
Frage der Energiewende interessierten Person ans Herz legen möchte. Für mich
ist klar, dass die Kernspaltung als primäre treibende Kraft hinter der
Erschaffung der Welt und allen Lebens langfristig nicht abgeschrieben werden
kann. Ihre gegenwärtige Tabuisierung namentlich in der deutschsprachigen Welt
wird vorübergehen und ihre globale Renaissance ist bereits unterwegs. Auch bin
ich überzeugt, dass dieser Fortschritt dereinst durch die Kernfusion gekrönt sein
wird.
Ausblick: Im
nächsten Blog wende ich mich dem Stromnetz als Smartgrid zu und der Gefahr dessen
zu blauäugiger Digitalisierung. In der digitalen Euphorie der europäischen
Vernetzung im Energiebereich lauert ein verheerendes Destabilisierungspotenzial.
Es besteht die Gefahr, dass wir im Schwung der multidirektionalen Stromflüsse
zwischen volatilen Sonnen- und Windkraftquellen die Instabilität und
Angreifbarkeit massiv komplexerer Vernetzung unterschätzen.
[1] Woher kommt Wasserstoff bei nuklearen Störfällen? Bei den schweren
Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima kam es zu mehreren
Explosionen, die höchstwahrscheinlich durch Wasserstoff verursacht wurden.
Woher kommt der Wasserstoff bei einem nuklearen Störfall? Auch nach dem
Abschalten des Reaktors, wie im KKW Fukushima mit Beginn des Erdbebens
geschehen, produziert der Reaktorkern wegen des Zerfalls von radioaktiven
Elementen weiter Wärme und muss gekühlt werden. Beim Ausfall der Kühlung
erhitzt sich der Kern allmählich und es kommt zunehmend zur chemischen Reaktion
zwischen Materialien im Reaktor und dem noch vorhandenen Wasserdampf. Am
wichtigsten sind dabei die Umhüllungen des Brennstoffs (Hüllrohre), die aus
Legierungen des Metalls Zirkonium bestehen. Zirkonium reagiert mit dem noch
vorhandenen Wasserdampf entsprechend folgender Gleichung: Zr + 2 H2O
→ ZrO2 + 2 H2 + Wärme. Diese Reaktion ist die
Hauptquelle für die Produktion von Wasserstoff. Die Oxidation von 1 kg
Zirkonium führt zur Bildung von ca. 50 g Wasserstoff (500 l bei Normaldruck).
Bei einem Zirkonium-Inventar von mehr als 50 t in einem Siedewasserreaktor
können somit große Mengen Wasserstoff gebildet werden. Kommt der im Reaktorkern
erzeugte Wasserstoff unfallbedingt oder gezielt durch Abblasen mit Sauerstoff
aus der Luft in Kontakt und findet dieses Gemisch eine Zündquelle - was bei
solchen Unfällen sehr wahrscheinlich ist, dann kann es zu Explosionen bis hin
zu Detonationen mit der beobachteten, großen Zerstörungskraft kommen. Ein kg
Wasserstoff kann dabei die Wirkung von etwa 10-30 kg TNT entwickeln. Quelle: Karlsruher
Institut für Technologie
[2] Die Zukunft der Energiewirtschaft – Interview mit Dr. Johannes Teyssen
(Ex-CEO des Energieversorgers E.ON) → https://open.spotify.com/episode/1fX7WNmRahJzdjnIa26qks
