Mittwoch, 28. April 2021

Störfall

 









Wer für Kernenergie einsteht, muss sich erklären. Der Haupteinwand ist: Diese Energiequelle ist zu gefährlich! Im Normalfall ist sie gut beherrschbar und gezähmt. Im Störfall aber kann sie im Nu zur Megakatastrophe werden, die grossräumige Evakuierungen auslöst und eine verstrahlte Terra inhabitabilis hinterlässt. So geschehen in Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011. Bis heute dürfen Kernreaktoren niemals sich selbst überlassen werden. Kein Kühlwasser, kein Notstrom, wenn ringsum alles Notwendige versagt, zum Beispiel durch einen Stromnetz-Zerstörung, ja was ist dann? Zunächst bleibt alles still. Doch wir haben es mit der dichtesten aller Energiequellen zu tun. Und wenn die Wärmeenergie, die sie auch nach Abschaltung Minute um Minute produziert, nicht abgenommen wird, staut sie sich im Bauch des Biests, bis er bricht. In der Regel geschieht dies explosiv, nicht als Kernexplosion, sondern als chemische Knallgas-Explosion. In der Hitze spaltet sich das Restwasser in Wasserstoff und Sauerstoff, das sich oben erneut verbindet und die stärksten Container zum Bersten bringt. Hier wird Kernenergie in chemische Sprengenergie umgewandelt.[1]

Leider entweichen dabei radioaktive Stoffe und verbreiten sich in der Umwelt. In Three Mile Island hielt das Containment dicht. In Tschernobyl und Fukushima hielten die Reaktor-Container nicht stand. Die Umgebung wurde kontaminiert. Reflexartig wurden Menschen in der Umgebung evakuiert. Die Frage, die man sich im Rückblick stellen muss, ist, ob die Evakuation in dieser Grössenordnung und Dauer nötig war. War sie hysterisch oder rational begründet? Ich schreibe dieses Kapitel unter dem Eindruck von Untersuchungen, die zum Schluss kamen, dass diese Evakuationen mehr Schaden als Nutzen brachten.

Die Menschen rund um das Kernkraftwerk wohnten bis zum Unglück über Jahrzehnte sorglos und zufrieden. Viele hatten dort ihren sicheren und sauberen Arbeitsplatz und einen guten Lohn. Es profitierte eine vielfältige Sekundärwirtschaft vom Kraftwerk. Die Betreibergesellschaften leisteten ihrerseits hohe Summen an die kommunale Infrastruktur, an Kitas, Schulen, Freizeitanlagen, Bäder, medizinische Einrichtungen, Parks; sie war ein grosszügiger Sponsor des sozialen Lebens. Als in der Schweiz der Atomausstieg in einer Volksabstimmung beschlossen wurde, verneinten die Gemeinden der Anrainer den Ausstieg markant. In Tschernobyl und Fukushima war eines schlimmen Tages plötzlich alles anders. Das Biest hielt nicht, was es versprach. Es zeigte den Anwohnern mit Knalleffekten, Selbstzerstörung und Rauch seine schlimmste Fratze. Die Reaktoren explodierten, die Kerne schmolzen in der eigenen unbeherrschbaren Hitze. Dies geschah in Tschernobyl wegen Fehlmanipulation, in Fukushima wegen eines die Auslegung überschreitenden Naturereignisses (Tsunami), und in beiden Katastrophen wegen menschlicher Hybris. Die Behörden mussten vom Schlimmsten ausgehen, was die Verstrahlung anging. Man evakuierte grossräumig Hals über Kopf. Dieses überstürzte Herausgerissenwerden aus der freundlichen Privatsphäre, aus gewachsenen kommunalen Strukturen in entlegene Turnhallen und leer stehende Gebäude mit wenig Gepäck und die polizeilich verhinderte Rückkehrmöglichkeit wirkte traumatisch und machte viele krank.

Und dennoch: was sich hier in wenigen Stunden und Tagen auf Störfall Stufe 7 abspielte, verursachte vergleichsweise wenige Strahlenopfer. In Fukushima beklagte man einen einzigen Todesfall infolge direkter Verstrahlung. Der Betroffene meldete sich freiwillig für die manuelle Öffnung eines Ventils für Druckablass direkt am Reaktor. In Tschernobyl wurden etliche Feuerwehrleute notwendig zu hohen Strahlungen ausgesetzt. In beiden Fällen war Heldenmut und Selbstverpflichtung der Antrieb, um noch Schlimmeres zu verhüten. Diese unfreiwilligen Katastrophen wurden vielfältig und international genauestens analysiert. Alle nuklearen Kraftwerke profitierten von den Erkenntnissen und wurden sicherheitstechnisch nachgerüstet. Auch in der Schweiz wurde etwa die Erdbebensicherheit erhöht und die Kühlungsprozeduren im Notfall hinterfragt. Alle Werke wurden hernach Crashtests unterzogen. Die allgemeine nukleare Sicherheit hat einen nachhaltigen Innovationsschub bekommen. So weit, so gut? Kann man weiterfahren mit dem weitestgehend CO2-freien und klimaneutralen Gigawatt-Bandstromquellen? Welche Fortschritte in der nuklearen Technologie sind in naher Zukunft zu erwarten? Kein Land verbietet das Automobil, obgleich täglich viele Tote und Verletzte im Strassenverkehr zu beklagen sind.

Kernkraftwerke emittieren im Normalbetrieb hundertmal weniger Radioaktivität als Kohlekraftwerke. Im Gegensatz zur Kohle- oder Ölproduktion erzeugt die Kernenergieerzeugung weder Schwefeldioxid noch Stickoxide noch Quecksilber. Die Verschmutzung durch fossile Brennstoffe wird allein in den USA für 24‘000 frühe Todesfälle pro Jahr verantwortlich gemacht. Dennoch denken einige Länder, die an der Kohleenergie hängen, über den Ausstieg aus der Kernenergie nach. Was die Zukunft bringen wird und ob die Welt sich auf lange Sicht mit Kernenergie versorgen wird, wird sich bald weisen. Aber dazu braucht es den globalen Blick. In Deutschland ist jede Diskussion darüber tabu, auch von Top-Insidern[2] und stillen Befürwortern wird geschwiegen. Zurzeit und im Klima der grassierenden Cancel-Kultur ist das Thema auch in der offiziellen Schweiz tabu. In den Gegensatz dazu heben möchte ich das einzigartige Buch einer grünen amerikanischen Autorin Gwyneth Cravens: Power to Save the World: The Truth about Nuclear Energy, das ich jeder an der Frage der Energiewende interessierten Person ans Herz legen möchte. Für mich ist klar, dass die Kernspaltung als primäre treibende Kraft hinter der Erschaffung der Welt und allen Lebens langfristig nicht abgeschrieben werden kann. Ihre gegenwärtige Tabuisierung namentlich in der deutschsprachigen Welt wird vorübergehen und ihre globale Renaissance ist bereits unterwegs. Auch bin ich überzeugt, dass dieser Fortschritt dereinst durch die Kernfusion gekrönt sein wird.

Ausblick: Im nächsten Blog wende ich mich dem Stromnetz als Smartgrid zu und der Gefahr dessen zu blauäugiger Digitalisierung. In der digitalen Euphorie der europäischen Vernetzung im Energiebereich lauert ein verheerendes Destabilisierungspotenzial. Es besteht die Gefahr, dass wir im Schwung der multidirektionalen Stromflüsse zwischen volatilen Sonnen- und Windkraftquellen die Instabilität und Angreifbarkeit massiv komplexerer Vernetzung unterschätzen.



[1] Woher kommt Wasserstoff bei nuklearen Störfällen? Bei den schweren Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima kam es zu mehreren Explosionen, die höchstwahrscheinlich durch Wasserstoff verursacht wurden. Woher kommt der Wasserstoff bei einem nuklearen Störfall? Auch nach dem Abschalten des Reaktors, wie im KKW Fukushima mit Beginn des Erdbebens geschehen, produziert der Reaktorkern wegen des Zerfalls von radioaktiven Elementen weiter Wärme und muss gekühlt werden. Beim Ausfall der Kühlung erhitzt sich der Kern allmählich und es kommt zunehmend zur chemischen Reaktion zwischen Materialien im Reaktor und dem noch vorhandenen Wasserdampf. Am wichtigsten sind dabei die Umhüllungen des Brennstoffs (Hüllrohre), die aus Legierungen des Metalls Zirkonium bestehen. Zirkonium reagiert mit dem noch vorhandenen Wasserdampf entsprechend folgender Gleichung: Zr + 2 H2O → ZrO2 + 2 H2 + Wärme. Diese Reaktion ist die Hauptquelle für die Produktion von Wasserstoff. Die Oxidation von 1 kg Zirkonium führt zur Bildung von ca. 50 g Wasserstoff (500 l bei Normaldruck). Bei einem Zirkonium-Inventar von mehr als 50 t in einem Siedewasserreaktor können somit große Mengen Wasserstoff gebildet werden. Kommt der im Reaktorkern erzeugte Wasserstoff unfallbedingt oder gezielt durch Abblasen mit Sauerstoff aus der Luft in Kontakt und findet dieses Gemisch eine Zündquelle - was bei solchen Unfällen sehr wahrscheinlich ist, dann kann es zu Explosionen bis hin zu Detonationen mit der beobachteten, großen Zerstörungskraft kommen. Ein kg Wasserstoff kann dabei die Wirkung von etwa 10-30 kg TNT entwickeln. Quelle: Karlsruher Institut für Technologie

[2] Die Zukunft der Energiewirtschaft – Interview mit Dr. Johannes Teyssen (Ex-CEO des Energieversorgers E.ON) → https://open.spotify.com/episode/1fX7WNmRahJzdjnIa26qks